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Jonathan Radetz im Porträt

Wir bei sturbock lieben es, den Personen & Marken eine Plattform zu geben, die etwas zu erzählen haben. Denen, die inspirieren und vor allem denen, die sich nicht mit dem Status Quo zufrieden geben, sondern für die sich und ihr Umfeld mehr möchten. Jonathan Radetz ist ein beeindruckender multidisziplinärer Designer aus Frankfurt und wir haben mit ihm über seine vielseitige Arbeit gesprochen:

Interview mit Jonathan Radetz

Erstmal zu dir: Wer bist du & was machst du?

Hallo ich bin Jonathan Radetz und bezeichne mich selbst als multidisziplinärer Designer aus Frankfurt. Meine Erfahrungen als Schreinermeister und Produktgestalter finden in vielseitigen Entwürfen ihren Ausdruck. Meine besten Ideen bekomme ich natürlich in der Natur und auf Reisen. Ob der morgendliche Fahrradweg zum Studio auf die andere Mainseite von Frankfurt bereits zu solchen Naturerlebnissen zählt, ist hierbei unklar. Die eine oder andere Produktidee begann aber sicherlich bereits am morgen auf dem Rad zu reifen. Ich finde es toll, jede Idee auf ihre wesentlichen Bestandteile herunterzubrechen und arbeitet spielerisch und zugleich konsequent mit Materialien und Formen, um außergewöhnliche Möbel, Accessoires und Schmuckstücke zu kreieren. Ich hatte Glück und konnte sehr früh in meiner Laufbahn bei der Designmarke e15 Erfahrung sammeln sowie in den Studios von Stefan Diez sowie Saskia Diez Jewellery und erwarb dadurch zusätzliche Fertigkeiten, die meine konsequente Umsetzung von der Idee zum Produkt bis heute grundsätzlich beeinflussen.

Welche Rolle spielt das Thema Nachhaltigkeit bei deiner Arbeit?

Der Aspekt von Nachhaltigkeit sollte natürlich immer bestand eines jeden Entwurfsprosses sein. Heute ist es viel wichtiger den je über vor allem kreislauffähige Entwürfe nachzudenken. Design kann sich nicht mehr nur darauf ausruhen, dass es wertig und damit haltbar ist, sondern man sollte über das Sammlerstück hinaus Entwürfe betrachten. Die größte Herausforderung im heutigen Schaffen scheint die Legitimation der eigenen Arbeit zu sein, also dass was man macht ist sinnvoll und im besten Fall wertstiftend. Ich glaube viel wichtiger als auf Trends wie Nachhaltigkeit oder die große Transformation aufzuspringen ist die eigene Haltung. An und mit dieser Arbeite ich jeden Tag.

Auf welches Projekt bist du besonders stolz?

Die Buchstützen CINEMA für Schönbuch finde ich schon sehr gelungen und damit sind diese ein Projekt, welche mich schon ein wenig stolz machen. Gemeinsam mit der Grafikerin Antonia Henschel haben wir Glasobjekte geschaffen, welche sich nicht nur in ihrer Funktion mit Büchern auseinandersetzen, sondern auch einen Bezug zur Typographie haben. Inspiriert von der Typografie, dienen die offenen oder geschlossenen Innenflächen eines Buchstabens als Vorbild für die Form der Glasstützen. Die ausgewählten typografischen Elemente – ursprünglich Auslassungen – werden in eine überraschende, neue Dimension übertragen und zu greifbaren Objekten von starker Präsenz. Und das Material, gegossenen Glas, welches nicht nur wunderschön, sondern auch ausreichend schwer ist hat es mir dann auch angetan, wie man auch bei dem resultierenden konzeptionellen Projekt LIQUIDS spürt.

Was ist dein absolutes Lieblingsprojekt?

Ich denke eins der beeindruckendsten Produkte welche ich entworfen habe, ist der Teppich ANNAPURNA. Für mache ist es eher wie ein monochromes Gemälde, für mich ist es aber die Erinnerung an eine Reise  – auf einer Reise durch die abwechslungsreiche und wunderschöne Landschaft Nepals entstand die Idee, aus dem Abbild eines Gebirges, betrachtet aus der Vogelperspektive, einen Nepalteppich zu gestalten. Gebirgszüge sind abstrahiert Licht und Schatten. Je nach Blickwinkel changiert der Teppich sehr unterschiedlich und beeindruckend im Licht. Die Anmutung verändert sich mit dem Wechseln der Lichtsituation, wie in den Bergen selbst. Als Designgrundlage diente eine Satellitenaufnahme des Annapurna-Gebirges. Durch die Beschränkung auf eine Farbe, aber den Einsatz von zwei unterschiedlich reflektierenden Materialien konnte ein sehr imposanter und nahezu plastischer Bodenbelag realisiert werden. Die wahre Pracht kann der Betrachter beim umgehen des Nepalteppichs erfahren, dann, wenn aus einem sehr schlichten Design sich ein Gebirgszug hervorhebt. Zusätzlich wirkt die Reflektion der Seide wie schneebedeckte Berge.

„Von Pokhara aus wanderten wir bis zu einer Höhe von 4130 Metern, um im Anblick der Gipfel wie dem Machapucharé, dem Gangapurna und dem Annapurna I mit seinen 8091 Höhenmetern immer wieder inne zu halten. Die langsame Annäherung, die Mühen um die essentiellsten Dinge des Lebens, ließen uns dabei demütig und klar werden. Gleichzeitig wurden wir vertraut mit der Kraft und Selbstverständlichkeit dieses Gebirges“

Welche weiteren Projekte inspirieren dich momentan?

Wie bereits angesprochen fasziniert mich gegossenes Glas. Bei Liquids  beschäftige ich mich konzeptionell mit dem faszinierenden Gegensatz der Beschaffenheit von kaltem und heißem Glas . Dieser manifestiert sich schon in der Aussage über den Herstellungsprozess: “Glas wird gegossen”. Betrachtet man die molekulare Ebene, dann fließt scheinbar festes Glas weiter. Glas ist ‚liquid’ – immer. Es ist formlos wie Wasser und wird vom Menschen seit hunderten von Jahren geformt.

Obwohl Glas also immer fließt, kann es in erstarrtem Zustand nicht verformt werden. Um es zu formen muss es stark erhitzt werden. Das starre und zerbrechliche Material verwandelt sich dann in eine zähflüssige Masse. Diese kann in eine temperaturfeste Stahlform gegossen werden, fließt in alle Ecken und erkaltet in der ihr gegebenen Form. Es entstehen Objekten aus gegossenem Glas, welche die Brücke zwischen dem flüssigen und festen Zustand schlagen.

Das Füllen der Gussformen erfolgt traditionell mit einer Kelle. Bei Liquids bestimmt das Fassungsvolumen der Kelle das Volumen aller Körper. Die gleiche Menge an flüssigem Glas wird in verschiedene Formen gegossen. Die entstandenen Glaskörper unterscheiden sich so zwar in ihrer Gestalt (Proportion, Größe und Farbintensität), nicht aber in ihrem Volumen, welches immer ein Liter fasst. Wegen der Transparenz des Glases, verändert sich die eigentlich monochrome Farbmasse je nach Materialstärke. Allein durch die Proportion des Körpers entstehen feine Farbnuancen.

Die Objekte wurden gestaltet, um einen Schaffensprozess zu visualisieren, um Vorgänge verständlich zu machen, eine Geschichte zu erzählen, den Zugang zu einem Thema zu erleichtern und um die Faszination für das visuell attraktive Material zu teilen.

“I want to resemble a sort of liquid light which stretches beyond visibility or invisibility. Tonight I wish to have the valor and daring to belong to the moon”

― Virginia Woolf, A Writer’s Diary

Aber auch die Vasen PlusMinus, welche exklusiv von Ikarus vertrieben werden, inspirieren mich aufgrund ihrer aktuellen Form und Aussage.

Wir sind ganz begeistert von der Kreativität & dem Einfallsreichtum Jonathans. Auch sein Schmuck hat es uns schon eine Weile angetan, weswegen ihr diesen selbstverständlich auch auf bei uns auf sturbock.me/ findet.

Wir sind gespannt, was sich Joanthan Radetz als nächstes einfallen lässt! 🙂

Credits:

Felix Krumbholz
IKARUS
schönbuch